Das Reiß-Buch des Nicolaus Bacmeister : Frühneuzeitliche Wissensbilder auf Papier zwischen ästhetischem Vergnügen und Erkenntnisanspruch

Dieser Beitrag untersucht Nicolaus Bacmeisters Reiß-Buch als ein bemerkenswertes Beispiel frühneuzeitlicher Wissensproduktion an der Schnittstelle von Zeichnen, Exzerpieren und Neugierkultur. Entstanden im baltischen Kulturraum des 17. Jahrhunderts, entzieht sich das kleine Manuskriptalbum einer eindeutigen disziplinären Einordnung. Obwohl sein Verfasser namentlich bekannt ist, wissen wir nur wenig über seine künstlerische Ausbildung; zugleich bewegt sich das Werk zwischen Reisebuch, Exzerptheft, Bildarchiv und gelehrtem Notizbuch. Aufgewachsen im akademischen Milieu Rostocks und an der neu gegründeten Universität Kiel zum Juristen ausgebildet, griff Bacmeister auf zeitgenössische Reiseliteratur, Kuriositätenbücher, naturhistorische Werke und ethnographische Berichte zurück, darunter Schriften von Erasmus Francisci, Adam Olearius und Johann Heinrich Seyfried. Viele dieser Werke waren vermutlich über die Gottorfer Bibliothek und ihr weiteres intellektuelles Umfeld zugänglich. Indem der Beitrag das Reiß-Buch in die frühneuzeitliche Kultur des Exzerpierens und Notierens einordnet, rückt er eine bislang wenig beachtete Dimension in den Vordergrund: das visuelle Exzerpieren. Bacmeister beschränkte sich nicht auf das Abschreiben von Textpassagen; vielmehr pauste, übertrug und ordnete er Darstellungen von Tieren, Pflanzen, Menschen, Mineralien und mythischen Wesen neu an. Die leeren Seiten, ornamentalen Gliederungen und die systematische Anordnung des Albums verweisen auf eine dynamische und erweiterbare Struktur, in der Bilder nicht bloß der Illustration dienen, sondern als Instrumente der Orientierung, des Vergleichs, der Erinnerung und der wissensbildenden Imagination fungieren. Durch die Verbindung von ästhetischem Vergnügen und gelehrtem Anspruch zeigt Bacmeisters Album, wie frühneuzeitliche Leserinnen und Leser gedruckte Informationen in mobile, persönliche und visuell geordnete Systeme der Wissensorganisation und Welterschließung überführten.

This article examines Nicolaus Bacmeister's Reiß-Buch as a remarkable case of early modern knowledge production at the intersection of drawing, excerpting, and curiosity-driven natural history. Created in the seventeenth-century Baltic cultural sphere, the small manuscript album resists clear disciplinary classification: its author is known by name, yet little is documented about his artistic training, and the work itself moves between travel book, commonplace book, visual archive, and scholarly notebook. Coming from Rostock's academic milieu and trained in law at the newly founded University of Kiel, Bacmeister drew on contemporary travel literature, curiosity books, natural histories, and ethnographic accounts – including works by Erasmus Francisci, Adam Olearius, and Johann Heinrich Seyfried, many of them perhaps accessible through the Gottorf library and its wider intellectual environment. Situating the Reiß-Buch within the early modern culture of note-taking, the article foregrounds a dimension often neglected in scholarship: the visual excerpt. Bacmeister did not only copy textual passages; he traced, transferred, and reorganized images of animals, plants, peoples, minerals, and legendary creatures. The album's blank pages, ornamental divisions, and systematic arrangement reveal a dynamic, expandable structure in which images serve as instruments of orientation, comparison, memory, and epistemic imagination rather than mere decoration. By binding aesthetic pleasure to scholarly ambition, Bacmeister's album shows how early modern readers transformed printed information into mobile, personal, and visually ordered systems of understanding.

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